Wenn sich ein junger Katalane und eine Flämin ineinander verlieben…

Wenn sich ein junger Katalane und eine Flämin ineinander verlieben…
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Kurz vor den Europawahlen 2014 und angesichts der aktuellen Krise in Europa erleben wir in den Medien und der Politik zahlreiche antieuropäische Kampagnen: Europa, gleichgesetzt mit der EU, ist ein bürokratisches Monster, ein undemokratisches Phantom im fernen Brüssel, die Ursache vieler politischer Probleme. Dem gegenüber stehen „Verfechter Europas“ wie der Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der Philosoph Jürgen Habermas oder der Schriftsteller Umberto Eco, die sich für die europäische Idee stark machen.

Während die Stereotypen über die EU häufig kurzfristige Emotionen bedienen, stellt sich die Frage, ob sich nicht auch langfristige positive Prägungen ergeben können. Eine solche ist in den letzten beiden Jahrzehnten von Wissenschaft und Politik unter dem Label einer „europäischen Identität“ diskutiert worden. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Europäer wird häufig als wünschenswert angesehen, um Solidarität sowie Unterstützung für das europäische Projekt zu erreichen. Umberto Eco sagte über den Zusammenhalt Europas 2012 in der Süddeutschen Zeitung: „Ich nenne es eine sexuelle Revolution. Ein junger Katalane trifft eine Flämin, sie verlieben sich, heiraten und werden Europäer, und genauso ihre Kinder.“ Ist die europäische Identität also genau dort zu finden, wo Austausch zwischen Europäern verschiedener Nationalitäten stattfindet und so nationale Unterschiede verschwimmen?

Immer mehr Europäer reisen ins Ausland, nehmen an Programmen wie „Erasmus“ teil oder arbeiten in europäischen Nachbarländern. Durch die wachsende Mobilität kommen – wie von Eco beschrieben – Partnerschaften zwischen Europäern verschiedener Nationalitäten zustande, die zusammen binationale Familien gründen. Diese Eltern leben als Europäer, aber sind noch mit einer Heimatnation aufgewachsen und „verwurzelt“. Was aber ist mit ihren Kindern? Von Umberto Eco nur im Nebensatz angesprochen, sind sie der Schwerpunkt meiner Promotion an der Universität in Oxford: Diese Kinder binationaler Eltern wachsen mit mehreren nationalen Identitäten auf und verstehen sich selbst möglicherweise als Europäer, da sie die Mobilität ihrer Familie und den Kontakt zu Europäern verschiedener nationaler Hintergründe als völlig normal wahrnehmen. Sie leben zwischen verschiedenen nationalen „Stühlen“, gehen vielleicht auch auf multilinguale Schulen und ihre Eltern arbeiten für europäische Institutionen oder transnationale Firmen. Eine Identität als Europäer ist eine Möglichkeit für die Kinder, diese schwierige Kombination verschiedener nationaler Identitäten zu vereinbaren. Kurzum: Europa kann „mehr sein“ als nur die Summe nationaler Herkunft; ein Identitätsanker und für diese Kinder ganz einfach ihre Heimat.

Auch wenn zumindest in der nahen Zukunft längst nicht alle jungen Europäer binational aufwachsen, erlaubt die Untersuchung dieser kleinen Gruppe einen Blick auf die europäische Identität der Zukunft. Wie können wir also diese europäische Identität schaffen? Sicherlich sind Austauschprogramme wie „Erasmus“ oder „Leonardo da Vinci“ ein wichtiger erster Schritt. Beschleunigen ließe sich dies aber auch mit europäischen Lehrplänen von der Grundschule an, sodass Kinder abseits nationaler Blickwinkel über Europa lernen können. Vielleicht heißt es dann eines Tages nicht mehr „es trafen sich Katalane und Flämin“ sondern einfach nur „zwei Europäer“. Diese abstrakte und langfristige Vision gilt es gerade in schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situationen, in denen oft kurzfristiges polit-strategisches Denken überwiegt, aufrechtzuerhalten.