Mammas, Gigolos und Bambini

Mammas, Gigolos und Bambini
italien

Was man sich von italienischen Großfamilien über Kindererziehung und die Liebe abgucken kann. Die freie Journalistin und Buchautorin Clara Ott hat mehrere Monate an der italienischen Amalfiküste gearbeitet und dabei viel über den Familiensinn der Italiener gelernt.

Könnte ich mir von allen europäischen Ländern eine neue Heimat suchen, so wäre es Italien. Ja, trotz Korruption. Trotz Berlusconi. Trotz Gigolos. Trotz Vatikanstaat. Trotz trotz trotz. Weil ich Italien einfach liebe, mit all seinen Stärken und Schwächen. Und obwohl ich bisher nur Rom, den Golf von Neapel, Angela Merkels Lieblingsinsel Ischia und die Amalfiküste kenne. All das reicht, um lebenslang zu wissen, dass es für mich ein absolut lebenswertes Land ist.

Und das beziehe ich wahrlich nicht nur auf das köstliche Essen, das Dolce Vita, das durchgehend schöne Wetter oder die wunderschöne Sprache.
Auch, aber vor allem, weil die Mentalität und die traditionellen Werte der Italiener mich nachhaltig beeindruckt haben. Ja, sie mögen katholisch und konservativ sein. Aber genau das hat mich bei meinem ersten Besuch vor drei Jahren dort so berührt. Meine pragmatische und irgendwie unemotionale Phrase aus „Ich bin gerne Single, suche keinen Mann zum Heiraten und ob ich Kinder will, weiß ich auch noch nicht“ traf dort auf Kopfschütteln. Wie oft ich während meiner zwei Sommer an der Amalfiküste mein selbstständiges Leben als alleinstehende Deutsche rechtfertigen musste? Keine Ahnung. Aber ich weiß genau, dass es im malerischen Küstenstädtchen Positano jedes Mal heftige Reaktionen, leises Fluchen und ewige Diskussionen nach sich zog, wenn ich mein Singleleben nüchtern glorifizierte. Niemand dort verstand, wieso eine Frau Anfang 30 unverheiratet war und obendrein in den kommenden Jahren auch keine Heirat plante. „Kein Mann?“, wurde ich immer wieder gefragt. Und kam nach anfänglichem Klischeedenken, dass ich nun mal in einem katholischen und sehr konservativem Land war, immer mehr ins Grübeln über Familienwerte und gesellschaftliche Strukturen.

Die Familie ist die wahre Rentenvorsorge

Zum Beispiel in den vielen Gesprächen mit dem perfekt Deutsch sprechenenden Italiener Michele. Der 74jährige Restaurantbesitzer erzählte mir sehr offen vom tragischen Brustkrebs seiner Frau Teresa und regte sich über den mittleren seiner drei Söhne, den 40-jährigen Luigi auf, einen ewigen Junggesellen, der sich nicht für eine Frau entscheiden könne. Michele war sofort klar, dass ich wie sein Sohn nur aus Selbstschutz Beziehungen emotional von mir hielt und versuchte mich wochenlang in langen Gesprächen von meiner Beziehungsangst zu heilen. „Bei eurer Generation sind die Türen immer auf! Niemand sitzt mehr am Tisch und hat Appetit auf Liebe!“ Alle Treffen – natürlich immer inklusive Essen – mit Michele waren nachhaltiger als jede Sitzung beim Therapeuten. „Wir haben alle nur ein Leben“, predigte Michele immer wieder, während wir vormittags schon Wein tranken, nachdem wir morgens früh im Meer geschwommen waren oder in seinem noch geschlossenen Ristorante Bohnen putzten. Das war gelebtes Carpe Diem. Inmitten dem ich mitbekam, wie er oft mit seiner Frau bis nach Neapel in die Klinik fahren musste, um für ihre Chemotherapie viel Geld aus eigener Tasche zu zahlen, was mich sehr am italienischen Gesundheitssystem zweifeln ließ. Und ich lernte seinen schönen Sohn Luigi kennen, einen talentierten Gigolo, der nur deshalb solo war, weil seine große Liebe Angela einen anderen geheiratet hatte. Sie hatte den Maßstab für alle Nachfolgerinnen hochgelegt und trotz konservativer Familienwerte im Hinterkopf sträubte sich der Sohn, wie sein Vater eine gute Frau zu ehelichen. Denn auch Michele hatte in seiner Teresa nicht die große Liebe gefunden. Das war eine deutsche Touristin gewesen, damals in den Siebzigern…verheiratet und jeden Sommer Gast in Positano, bis sie eines Tages nicht mehr kam.

Und ich lernte die 55jährige Anna kennen, die mich mit ihrer Familie quasi als Gasttochter aufnahm. Dank geduldiger Übersetzungen ihres Mannes Antonio konnte ich mich mit der Italienerin unterhalten – plus Händen und Füßen. Während wir zusammen kochten erklärte sie mir, dass sie jederzeit bereit sei, ein großes Essen für ihre vier Kinder, inklusive der vierköpfigen Familie ihrer Tochter Graziella, zu zaubern. Und auch für ihre eigene Schwester Assunta und deren Mann und ihre Schwiegermutter, die alte Nonna…und und und. Nichts sei schließlich fataler als spontanen Familienbesuch hungrig wegschicken zu müssen! Von Anna und der Familie Fusco lernte ich, wie gemeinsame Mahlzeiten eine Familie zusammenschweißen. Ich saß lange und fröhliche Abende lang an einem einfachen Plastiktisch mit Wachstuchdecke, nahm selbstgeschlachtetes Lamm, eigenes Gemüse aus dem riesigen Garten und eingelegte Pfirsiche in Vino zu mir und verstand, wieso man sagt, dass Liebe durch den Magen geht.

Und ich lernte Menschen in meinem Alter kennen, wie die Fotografin Alba, den Strandbesitzer Massimo oder den Dorfpolizisten Ciro, die alle ihre eigenen Familien gründen wollten. Natürlich sei es schwer, in Positano eine Wohnung zu bekommen. Deswegen wohnten ja so viele noch bei ihren Eltern, bis kurz vor der Heirat. Aber dann sei es das Beste, in der Nähe der Familie zu wohnen, trotz Kontrolle und gemeinsamer Kirchenbesuche und sozialer Verpflichtungen. Weil man eben seine Bambini ohne Komplikationen in den Schoß der Familie geben könne, während man arbeiten geht. Und weil dieses Mehrgenerationenprinzip zwar altmodisch scheinen mag, aber sich bewährt, gerade in schwierigen Zeiten.

Italienisches Mammas geben mehr Halt als der Staat

Natürlich verdienen die Menschen in Italien wenig Geld. Es gibt Korruption und das „System“ und viel Ungerechtigkeit im Sozialsystem. Sie fluchen leidenschaftlich über ihre Regierung und ihre Fußballvereine und über Touristen, aber genau so lieben sie auch ihre bewährten Rituale und ihre Werte und halten sie hoch wie ihre Vino-Gläser beim zuprosten. Sonntags geht es in die Kirche, Treue ist genau so ein individuell definierbares Wort wie in Deutschland und Amore und die Mammas sind das höchste Gut, die alles zusammenhalten. In Italien zu leben stelle ich mir seit meinem Aufenthalt nicht romantisch vor und ich habe viel Armut und Sorgen mitbekommen, die mir vor Augen geführt haben, wie privilegiert ich als Deutsche bin. Aber ich habe mir abgewöhnt, mein Single-Dasein in Deutschland und den hierzulande aus der Mode gekommenden Familienzusammenhalt weiterhin zu glorifizieren.
Wenn mir Freundinnen mit Babys von Kita-Gutscheinen und Tagesmüttern erzählen, dann sehe ich meine kopfschüttelnden Italiener vor mir, wie sie „Mio Dio!“ fluchen und mich an ihre weiche Mamma-Brust drücken oder mir gleich Rotwein mit Gegenargumenten reichen. Italien ist eins der schönsten Länder, an denen wir Ausländer vor Augen geführt bekommen, was Familie bedeutet. Liebe, Essen, Zusammenhalt. Ja, im kinderfreundlichen Schweden oder im nicht minder lebenswerten Frankreich auch. Aber mit der Mischung aus traditionellen Moralvorstellungen, den liebevollen, von Mammas geführten Haushalten, dem starken und unumstößlichen Familienzusammenhalt und der unfassbar eindrucksvollen Gastfreundschaft ist Italien doch eine Ausnahme. Natürlich mag es in der italienischen Regierung korrupt zugehen. Und laut neuester Berichte unterstützt „das System“ inzwischen mit heimlichen Krediten die einheimische Landwirtschaft. Mozzarella von der Mafia? Auch das ist Italien, ja. Aber der Artikel handelt ja davon, dass wir uns von den Italienern eine Extraportion Lebensfreude abschauen und eine Scheibe davon abschneiden sollen, wie sie ihre Familien pflegen und alles dafür tun. Bezüglich einer florierenden Wirtschaft oder einer stabilen Regierungsbildung könnten sie von uns Deutschen lernen, aber das ist ein anderes Thema.