Integration „von unten“: Politik lernen, Europa erleben

Integration „von unten“: Politik lernen, Europa erleben
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Tahmid Chowdhury ist gerade mal 20 Jahre alt. Und doch ist er Anfang Mai als Vertreter der niederländischen Regierung beim sogenannten „Model European Union“ (MEU) in Warschau dabei. Während einer knappen Woche versucht er hier, die Interessen der Niederlande im EU-Gesetzgebungsprozess effektiv zu vertreten. Dafür verhandelt und argumentiert Tahmid in offiziellen Sitzungen des EU-Ministerrats sowie in Kaffeepausen mit seinen Ministerkollegen und Abgeordneten des Europäischen Parlaments. In Wirklichkeit ist aber alles ganz anders: Tahmid ist kein Niederländer, sondern Brite. Und einen Ministerposten hat er auch nicht inne, genauso wenig wie seine Mitstreiter. Denn das MEU ist nur die Simulation realer Politik, obwohl sie durchaus realistisch wirkt.

Und so mag das Bild, das sich dieser Tage in Warschau bietet, für manche Beobachter befremdlich wirken: Rund fünfzig junge Menschen aus ganz Europa kommen zusammen, um die Europäische Union nachzuspielen. Ordentlich in Schale geschmissen schlüpfen sie in die Rollen von Europäischen Abgeordneten, Ministern oder Kommissaren und debattieren eine knappe Woche lang reelle Gesetzesentwürfe, die auch von den „großen“ Politikern auf EU-Ebene verhandelt werden. In Brüssel wird es wohl noch einige Monate dauern bis sich Parlament und Rat auf einen Kompromiss zur sogenannten Datenschutzgrundverordnung der EU einigen. In Polen geht das Ganze schneller: Trotz harten Verhandlungen verabschieden die Simulationsteilnehmer dasselbe Gesetz schon nach wenigen Tagen. Und damit sind sie keineswegs allein: Politische Rollenspiele finden mittlerweile regelmäßig überall in Europa statt. Doch was treibt diese jungen Menschen an und was nehmen sie von solchen politischen Simulationen mit? Und wie kann die EU davon profitieren?

„Bringing Europeans Together“

Der Verein, der Europa mit Rollenspielen verändern will, heißt BETA e.V. Er wurde 2008 von einer Handvoll Studenten in Mainz gegründet. „Die Idee dahinter war, ein EU-Rollenspiel im Stile der schon existierenden Model United Nations (MUN) Simulationen auszurichten, allerdings im Europäischen Parlament in Straßburg.“, erklärt Philipp Obenauer, Mitgründer und erster Vorsitzender des jungen Vereins. Auch er ist in Warschau mit von der Partie, um das lokale Organisationsteam zu unterstützen. „Es ist einfach großartig zu sehen, wie sich unsere Idee entwickelt hat. Aus einem einzigen MEU in Straßburg sind mittlerweile ein Dutzend in ganz Europa geworden.“, so Philipp. Und tatsächlich: BETA hat mittlerweile mehrere hundert Mitglieder und die Liste von regelmäßig, mit Partnern durchgeführten EU-Simulationen ist lang: Belgrad, Bratislava, Granada, Istanbul, Madrid, Mainz, Straßburg, Tallinn, Wien, Zagreb und jetzt auch zum ersten Mal in Warschau.

„Wir wollten unbedingt im zehnten Jahr der EU-Mitgliedschaft Polens ein MEU in Warschau organisieren.“, sagt Klaudia Stefaniak, eine der polnischen Organisatorinnen. Klaudia hat selbst schon an zwei MEUs teilgenommen, in Mainz und in Straßburg. „Eine absolut inspirierende europäische Erfahrung. Man lernt viel über die politischen Prozesse in der EU, indem man es einfach selbst erlebt. Zum Beispiel, wie Gesetze zu Stande kommen und wer daran beteiligt ist. Außerdem erfährt man durch den Austausch mit den anderen Teilnehmern in dem Freizeitprogramm viel über andere Länder in Europa und letztlich vor allem über sich selbst.“ Doch die Teilnahme allein reichte ihr bald nicht mehr. Sie wollte dieses Gefühl in ihre Heimat tragen, wollte den jungen Menschen in ihrem Land die EU näher bringen und die gleiche Begeisterung entfachen, die sie selbst empfunden hat. Und so suchte sie sich eine paar motivierte Helfer und kontaktierte BETA.

Die Europäische Integration von unten vorantreiben

Der Mainzer Verein hat sich nämlich nicht nur die eigene Durchführung von Politiksimulationen auf die Fahnen geschrieben, sondern unterstützt auch die Planung und Organisation von MEUs durch Partnervereine vor Ort. In Polen hat das Team um Klaudia dafür sogar einen eigenen Verein gegründet: BETA Polska. Ronja Scheler, zweite Vorsitzende von BETA, erklärt die Strategie dahinter: „Zwar ist unser Flaggschiffprojekt das große MEU in Straßburg, an dem jedes Jahr knapp 200 junge Menschen teilnehmen und das mittlerweile auch durch die Europäische Kommission und das Europäische Parlament gefördert wird. Daneben ist es uns aber wichtig, mehr Europäern diese Erfahrung zukommen zu lassen.“ BETA versucht daher, sein Netzwerk ständig zu vergrößern und MEUs in allen Ecken Europas mit lokalen Kooperationspartnern auszurichten. „Wir glauben, dass Europa immens davon profitiert, wenn mehr junge Menschen an solche Veranstaltungen teilnehmen. Sie lernen nicht nur die EU kennen und schätzen, sondern machen durch den kulturellen Austausch eine nachhaltige europäische Erfahrung.“, so Ronja.

Dass BETAs Ansatz durchaus Erfolg hat, zeigt sich nicht nur am ständigen Zuwachs neuer MEUs in ganz Europa. Auch quantitative Umfragen mit Teilnehmern der Simulation konnten wissenschaftlich zeigen, dass die jungen Europäer verstärkt ein gemeinsames Wir-Gefühl entwickeln und besser verstehen, wie die EU funktioniert. BETA fördert somit die Europäische Integration ‚von unten‘. Ein Prozess, der in Zeiten der Eurokrise notwendiger erscheint als je zuvor in der Geschichte der EU. Kritik gibt es zwar immer wieder daran, dass die EU-Simulationen genauso reine Elitenprojekte darstellen wie die EU selbst, unter anderem wegen der Fokussierung auf Studenten als Teilnehmer und Englisch als Arbeitssprache. Doch genau dagegen kämpfen die Mitglieder von BETA an, wie Ronja darstellt: „Einige Mitglieder arbeiten gerade daran, MEUs für Schüler auf Deutsch auszurichten. Und gerade durch die Ausweitung unseres Netzwerks in weitere europäische Länder wollen wir mehr Menschen erreichen, die nicht durch ganz Europa reisen können, um an einem MEU teilzunehmen.“

Auch Tahmid zieht nach seiner Woche in Warschau eine durchweg positive Bilanz: „Es war eine fantastische Erfahrung, so viele Studenten aus ganz Europa zu treffen und über aktuelle Themen zu diskutieren. Ich habe nicht nur erfahren wie die europäischen Institutionen im Zusammenspiel funktionieren, sondern auch viele verschiedene Standpunkte und Perspektiven zu diversen politischen Fragestellungen kennengelernt.“ Die Begeisterung scheint vollends in ihm entfacht worden zu sein, denn er hat sich direkt für ein weiteres MEU angemeldet, das im Juli in Mainz stattfindet und sich außerdem für das Organisationsteam des MEU Straßburg beworben. Er beweist damit, dass die Anstrengungen von BETA Früchte tragen: Das spielerische Erleben und Erlernen von europäischer Politik lässt Europa erst entstehen „Ich glaube, ich bin süchtig geworden nach Europa.“, sagt Tahmid mit einem Leuchten in den Augen.



Kernthese


Top 3 Contra

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Top 3 Pro

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