Es muss endlich inhaltlich über Europa diskutiert werden

Es muss endlich inhaltlich über Europa diskutiert werden
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Reißerische Schlagzeilen betitelten den Friedensnobelpreis für die EU als Witz, verfrüht oder als schlechte Parodie. Ich stimme dem nicht zu. Die Europäische Union ist das größte erfolgreiche Friedensprojekt der Weltgeschichte und ich bin überzeugt von seiner Nachhaltigkeit. Über die Tragödien der beiden Weltkriege, der verlorenen Menschenleben und Schaffensjahre habe ich von meinen Großeltern, im Geschichtsunterricht oder durch Filme lebhaft erfahren und glaube deshalb: Noch viele Generationen nach uns werden die Lehren der Geschichte ein friedliches und glückliches Zusammenleben auf diesem Kontinent garantieren. Die Bedeutsamkeit, die Reichweite und die unheimliche Errungenschaft, die hinter der europäischen Einigung steckt, möchte ich nicht anzweifeln und zolle meinen Respekt all denjenigen, die aus diesem Traum unsere Realität geschaffen haben.

Aber: Ich bin in dem Jahr geboren, in dem der Eiserne Vorhang fiel. Ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern, mit der Deutschen Mark beim Bäcker zu bezahlen. Bei meiner ersten Reise ins europäische Ausland ohne die Begleitung meiner Eltern musste ich keine Grenzkontrolle durchlaufen. So sehr ich dankbar für die Errungenschaften des Friedens in Europa bin, so sehr ist er doch Alltag für mich. Ich bin als Europäerin geboren. Und deswegen stelle ich höhere Ansprüche an die Europäische Union, an Europaabgeordnete und an all die Bewerber dieser wunderbaren europäischen Idee. Ich möchte ein Europa der politischen Inhalte!

“Man braucht ja nur die Flamme in ihren Augen zu beobachten, die Kraft Ihrer Kundgebungen zu hören, und bei einem jeden von Ihnen die Leidenschaftlichkeit und in Ihrer Gruppe den gesamten Umsprung mitzuerleben, um überzeugt zu sein, dass diese Begeisterung Sie zu den Meistern des Lebens und der Zukunft auserkoren hat.” Diese Worte richtete der ehemalige französische Präsident Charles de Gaulle bei seinem Deutschlandbesuch 1962 an die Jugend. Ich glaube, sie haben seitdem ihre Gültigkeit nicht verloren: Die jungen Menschen in Europa haben etwas zu sagen und sollten etwas dazu zu sagen haben, in welcher Gesellschaft sie und ihre Kinder aufwachsen sollen. Zum Beispiel, ob sie sich eine europäische Jugendarbeitslosigkeitsversicherung wünschen oder ob Europa vermehrt ökologische Landwirtschaft fördern soll. Sie haben sicher ihre eigenen Ideen dazu, wie die EU neue Erfindungen fördern kann, wie sie die Arbeitsbedingungen für Frauen verbessern oder die Gleichberechtigung von Homosexuellen fördern kann und wie sie sich für Menschenrechte über ihre Grenzen hinaus einsetzen sollte.

Europa bietet einen unheimlichen Reichtum an Kulturen, Perspektiven und Potential. Diese Union ist unser Erbe und sie ist es wert, dass man detailliert über sie nachdenkt, spricht und auch streitet. Wir als junge Generation müssen uns einmischen und über ein inhaltliches Europa sprechen – vor allem miteinander! Deswegen engagiere ich mich beim Europäischen Jugendparlament, einer Plattform, die es jungen Menschen aus ganz Europa ermöglicht, einander kennen zu lernen, miteinander zu debattieren und gemeinsame Lösungsvorschläge für Europa vorzuschlagen.

Ich möchte nicht undankbar klingen, wenn ich sage: Lasst uns mal nicht nur über Frieden reden. Ich möchte daran erinnern, dass auch unsere Urgroßväter und -mütter viel Hirnschmalz in die europäische Idee gesteckt haben. Es liegt an uns jungen Menschen, dass nun auch weiterhin zu tun. In unserer Zeit und nach unseren Regeln.